Heinrich von Herzogenberg wurde 1843 als Sohn eines Hofbeamten in Graz geboren. Der vielseitig Begabte studierte in Wien Jura, Staatswissenschaft und Philosophie. Erst 1862 entschied er sich ganz für die Musik, indem er Kompositionsschüler von F. O. Dessoff wurde. Schon um diese Zeit lernte er Johannes Brahms kennen, mit dem ihn zeitlebens eine enge Freundschaft verband.
Seine Umsiedlung nach Leipzig 1872 brachte ihn intensiver mit der Musik Johann Sebastian Bachs in Berührung. Zusammen mit Philipp Spitta gründete er 1874 den Bachverein und übernahm später dessen Leitung. Schon daraus wird ersichtlich, wie sehr ihm die Pflege und das Vorbild der Musik des Thomaskantors am Herzen lag. 1885 wurde er als Professor für Komposition nach Berlin berufen. Im Oktober 1900 erlag er einem Gelenkleiden.
Seit dem Tod seiner Frau 1892 – Herzogenberg zog sich vorübergehend in die „Villa Abendrot“ auf der Schweizer Bodenseeseite zurück – hatte sich der von Haus aus katholische Herzogenberg mit ganzer Kraft der Komposition evangelischer Kirchenmusik gewidmet. Ähnlich wie Max Reger schätzte er unter anderem den evangelischen Choral sehr. Das Oratorium „Die Geburt Christi“, dessen Text von Friedrich Spitta aus biblischen Texten und geistlichen, zum Teil ausgesprochen volkstümlichen Weihnachtsliedern zusammengestellt wurde, nimmt dabei einen besonderen Rang ein. Es macht erstmals in der Geschichte der Oratorienvertonung den Versuch, gottesdienstliche Elemente mit der Form eines großen Chorwerkes zu verbinden. Die Trennung von Ausführenden und Zuhörern wird – ganz im evangelischen Sinne – aufgehoben, indem die Gemeinde aktiv am musikalischen Geschehen beteiligt wird. Bibeltext und Lieddichtung, Lesung und Chorgesang von Kindern und Erwachsenen bilden mit Gemeindelied, Orgelvor- und -nachspiel quasi einen durchkomponierten Gottesdienst.
Nachdem die Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts bis in die Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts zumeist wenig geachtet worden ist, ja manchmal sogar regelrecht verpönt war, können wir sie in ihrer Eigenständigkeit heute wieder unbefangener sehen. Lange wurde auch der Klang des Harmoniums eher belächelt („Trampelklavier“). Die dynamische Differenzierungsmöglichkeit und der hohe Verschmelzungsgrad mit dem Streicherklang entsprechen jedoch der romantischen Ästhetik.
Das Oratorium besteht aus drei Teilen:
Die Verheißung
Im adventlichen erste Teil werden neben den Chorälen ausschließlich Texte aus dem Alten Testament verwendet: Psalmtexte, der Prophet Jesaja und Moses künden die Geburt des Erlösers an.
Die Erfüllung
Der zweite Teil beginnt mit der Botschaft Gabriels an Maria „Siehe du wirst einen Sohn gebären, des Namen sollst Du Jesus heißen“. Darauf folgt die Weihnachtsgeschichte in den bekannten Worten des Lukasevangeliums.
Die Anbetung
Im dritten Teil tritt die Oboe als charakteristisches Hirteninstrument hinzu. Nach der Einleitung durch eine Hirtenmusik wird die Erzählung der Weihnachtsgeschichte fortgesetzt. Zu dem achtstimmigen „Also hat Gott die Welt geliebt“ aus dem Johannesevangelium tritt beim Schlußchor der Kinderchor mit dem in langen Notenwerten gesungenen Choral „Er ist aus Erden kommen arm“ hinzu, bevor Gemeindechoral und Orgelnachspiel das Werk beschließen.
Am 3. Adventsonntag des Jahres 1894 erklang Heinrich von Herzogenbergs Weihnachtsoratorium zum ersten Mal in der Kirche St. Thomas Straßburg. Der Komponist schrieb später über seine Gefühle bei der Aufführung:
„...und wenn ich des Augenblicks gedenke, als meine Musik durch die ganze Thomaskirche flutete, vom Altar zur Orgel und wieder zurück, geschwellt von dem unvergesslichen Unisono der Gemeinde, dann erlebte ich eine Stunde, deren sich kein noch so beliebter Konzertkomponist unserer Tage zu rühmen hätte“!
Johannes Vöhringer