Georg Friedrich Händel: Passion nach Bartold Heinrich Brockes
Georg Friedrich Händel ist allgemein hauptsächlich als Komponist zahlreicher Instrumentalwerke und einiger Oratorien, darunter der „Messias“, bekannt. Weniger bekannt ist, dass er neben 30 Oratorien über 40 Opern geschrieben hat. Im 1719 uraufgeführten, großen Passionsoratorium nach der Dichtung von Barthold Heinrich Brockes weist er sich als der gewandte Opernkomponist aus. In der bei Händel bekannten, unmittelbaren und expressiven Musiksprache gestaltet er sowohl die erzählenden Rezitative als auch die eher kurzen und liedhaften Arien. Der jeweiligen Situation entsprechend reagiert Händel äußerst präzise in seinem musikalischen Ausdruck in abwechslungsreichen Besetzungen des Orchesters und gezielt eingesetztem Charakter der Stücke. Neu in der Tradition der Passionsvertonungen ist, dass zu den handelnden Personen noch weitere, für die Dramaturgie eingebaute, Einzelpersonen treten. So finden wir bei der Brockes-Passion noch die „Tochter Zion“ und die „Gläubige Seele“ vor. Dabei steht die Tochter Zion für Jerusalem und die gläubige Seele für das Individuum. Die barocke Textdichtung in ihren zum Teil drastischen Schilderungen und Ausdrucksformen wird durch diese Kompositionsweise vortrefflich wiedergegeben. Dabei hilft die Musiksprache über manche, von uns als allzu zeitgebundene Formulierungen hinweg. Der unmittelbar und direkt wirkende, expressive Musikstil Händels war es wohl auch, der auf Mozart starken Einfluss ausübte. Und so ist es verständlich, dass sich Mozart nicht nur besonders mit Händels „Messias“ beschäftigte, sondern Händels Kompositionen auch auf seine eigenen Werke, zum Beispiel in das Requiem, einwirkten.
Die Chorteile des Oratoriums sind, ähnlich wie bei Bachs Matthäuspassion, eher als kürzere Volkschöre gehalten, auch der protestantische Choral hat bei Händel Aufnahme gefunden.
Die Uraufführung des Oratoriums fand in Hamburg in der Karwoche im Rahmen von insgesamt vier Vertonungen der Dichtung von Brockes statt. Außer Händels Werk kamen dabei die Vertonungen von Johann Mattheson, Reinhard Keiser und Georg Philipp Telemann zu Gehör.
Das Textbuch stammt von
Barthold Heinrich Brockes, der 1680 als Sohn eines wohlhabenden Hamburger Kaufmannes geboren wurde. In seiner Jugend genoss Brockes eine gute Erziehung und wurde trotz seiner hanseatischen Herkunft höfisch erzogen. Er studierte in Halle Jura und Philosophie. Zunehmend interessierte er sich aber für Literatur und 1712 wurde sein erstes Werk veröffentlicht: „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“, das zu großen Ruhm gelang.
Komponisten wie Reinhard Keiser, Georg Philipp Telemann, Johann Mattheson, Johann Fasch und Johann Stölzel und eben auch Georg Friedrich Händel vertonten diese Dichtung des dann schon weit über die Stadt hinaus Bekannten, mehrere andere Komponisten folgten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Auch Johann Sebastian Bach griff für seine Johannes-Passion auf einige Dichtungen dieses Werkes zurück. 1715 gründete Brockes mit anderen angesehenen Hamburger Bürgern die Teutsch-übende Gesellschaft, eine Sprachgesellschaft, deren Ziel die Förderung der deutschen Sprache und Literatur war.
Zwischen 1721 und 1748 erschien die Gedichtsammlung „Irdisches Vergnügen in Gott bestehend in verschiedenen aus der Natur- und Sittenlehre hergenommenen Gedichten“. Diese Gedichtsammlung zeigt Brockes Weltanschauung. Er tritt mit dieser Sammlung den Beweis an, dass die von Gott geschaffene Welt die beste aller Welten ist. Gleichzeitig haben die Gedichte auch etwas Lehrhaftes, da er die Natur so darstellt, wie er sie sieht, weshalb die Gedichte in dieser Zeit als Lehrgedichte genutzt werden. Berühmtestes Beispiel dafür ist sein Gedicht „Kirschblüte bei Nacht“.
Auch in seiner großen Passionsdichtung, die gänzlich auf den originalen Bibeltext verzichtet und nicht nur die betrachtenden Teile, sondern auch das Passionsgeschehen in Reimform bringt, steht die Interpretation in barocker Sprache im Vordergrund.
Eine große Ehre wird ihm zuteil, als er 1733 trotz seiner bürgerlichen Ämter in den Rang eines kaiserlichen Pfalzgrafen erhoben wird. Am 16. Januar 1747 starb Barthold Hinrich Brockes in Hamburg.
(B. Reich)