Zur Orgelmusik J.S.Bachs
In seiner „Großen Generalbaß-Schule“ von 1731 berichtet der Hamburger Musikwissenschaftler Johann Mattheson von den Anforderungen eines Vorspiels zur Bewerbung um eine Organistenstelle. Zu Beginn des Probespiels war „aus freiem Sinn kurtz zu präludieen; doch nichts studiertes, welches man gleich hören wird“. Auch die weiteren Teile waren allesamt Improvisationen: Choräle, Fugen, das Aussetzen eines Generalbasses und eine große Improvisation in Form einer Chaconne. „Zum sichtbaren Zeugniß ihrer Compositionswissenschafft“ sollten die aus dem Stegreif gespielten Werke, „innerhalb zweeer Tage, nach gespielter Probe, schrifftlich ausgearbeitet“ vorgelegt werden. Dieser Bericht mag die hohe Kunst und Kunstfertigkeit des improvisierten Orgelspiels zur Zeit Johann Sebastian Bachs verdeutlichen.
Weit über 90 % aller jemals erklungenen Orgelmusik ist für immer verklungen, weil es sich um improvisierte Musik handelt(e). Orgelmusik wurde im 17./18.Jahrhundert zumeist handschriftlich überliefert, in den selteneren Fällen erschien sie gedruckt. Orgelmusik wurde notiert, um Schülern Muster-beispiele der Kompositionskunst zu geben, um „Handstücke“ für Orgelkonzerte und Prüfungen von Orgelneubauten zu haben und einen Fundus an gottesdienstlicher, oft choralgebundener Orgelmusik zu besitzen. Gedruckte Orgelwerke ließ man erscheinen, um so die Fachwelt mit den Kompositionskünsten zu beeindrucken und die eigenen Werke weiter verbreiten zu können. Hier sind gewiß Bachs „3.Theil der Clavier-Uebung“ von 1739 und die 1747 erschienenen Canonischen Veränderungen über „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ zu nennen. Letztere Veröffentlichung erschien anläßlich Bachs Eintritt in die „Correspondirende Societät der musicalischen Wissenschaften“ seines vormaligen Schülers Lorenz Mizler, der hiermit 1738 die erste musikwissenschaftliche Gesellschaft Deutschlands gegründet hatte.. Hier zeigte Bach seine immensen kontrapunktischen Künste besonders auf dem Gebiet des Kanons in verschiedensten Einsatzintervallen, Zeitabständen und Geschwindigkeiten der einzelnen Stimmen.
Der „3.Theil der Clavier-Uebung“ dagegen stellt quasi ein Handbuch für die Art, choralgebunden für Orgel zu komponieren dar. Hier spannt sich der Bogen von Choralbearbeitungen im kontrapunktisch dicht gearbeiteten „stile antico“ bis hin zu ‘modernsten’ Kompositionen im galanten, französisch beeinflußten Geschmack. Ins letzte Lebensjahrzehnt Bachs, daß vom Sichten und Verbessern seiner Kompositionen geprägt ist, fällt auch die dritte gedruckte Sammlung mit Orgelmusik: die 1746 erschienenen sechs „Schübler-Choräle“, Übertragungen von Bachs Hand von ausgewählten Kantatensätzen. Auch die „18 Leipziger Choräle“, überarbeitete großangelegte Choralbearbeitungen, die ursprünglich in Weimar entstanden waren, scheint Bach für eine zu druckende Veröffentlichung vorbereitet zu haben. Bereits in seiner Weimarer Zeit als Hoforganist begann Bach, eine enzyklopädisch konzipierte Sammlung von Choralvorspielen anzulegen: das „Orgelbüchlein“, in dem 46 von 164 geplanten Chorlabearbeitungen ausgeführt sind. Bach begründete und vollendete zugleich einen eigenen, charakteristischen Typus der Choralbearbeitung. Darüberhinaus gibt es zahlreiche, z.T. nur in Abschriften von Schülern und Freunden überlieferte Choralbearbeitungen. Hier ist besonders die bedeutende Sammlung Johann Philipp Kirnbergers, einem Schüler Bachs zu nennen, oder die erst 1985 in Yale/USA wiederentdeckte Sammlung von Choralvorspielen, die einen Einblick in die Kompositionswerkstatt des jungen Bach vor dem ‘Orgelbüchlein“ ermöglicht.
Bei den freien, nicht choralgebundenen Orgelwerken gibt es manche ‘didaktische’ Werke, die gleichwohl große (Kompositions-)Kunst darstellen. Zum einen Werke, mit denen Bach sich Kompositionstechniken aneignete: z.B. seine Fugen über Themen italienischer Vorbilder wie Corelli oder Legrenzi oder seine Aneignung neuester Concerto grosso - Techniken wie die Übertragung von Orchesterkonzerten Vivaldis für Orgel. Allerdings übertrug Bach, anders als sein mit ihm wetteifernder Vetter Johann Gottfried Walther, Organist an der Stadtkirche zu Weimar, nicht nur einfach den Orchestersatz auf die Orgel, sondern verbesserte das Werk in vielen Details und fügte weitere, eigene Stimmen hinzu. Oder seine mehrteiligen Toccaten und Praeludien, in denen Bach sich von einem seiner Lehrmeister und Vorbilder, Dietrich Buxtehude in Lübeck, beeinflussen ließ. Zum anderen schrieb Bach Werke, die eindeutig zu Unterrichts-zwecken komponiert wurden, wie z.B. die sechs hochvirtuosen Triosonaten, die er für den Unterricht seines ältesten Sohnes, Wilhelm Friedemann schrieb.Bei vielen seiner Praeludien,Toccaten,Fantasien, meist verbunden mit einer Fuge läßt sich Anlaß und Zeitpunkt der Entstehung kaum datieren. Hier versucht die Forschung durch Wasserzeichenuntersuchungen des verwendeten Papiers, durch Schriftvergleiche und durch stilistische Untersuchungen, diese großen Orgelwerke einer bestimmten Epoche Bachs zuzuweisen.
Noch 1784 schrieb Johann Adam Hiller in seinen in Leipzig erschienenen „Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten und Tonkünstler“: Als Klavier- und Orgelspieler kann man Bach sicher für den stärksten seiner Zeit halten, den besten Beweis davon geben seine Orgel- und Klavierstücke ab, welche von jedem, der sie kennt, für schwer gehalten werden. Das waren sie für ihn nun gar nicht; sondern er führte sie mit einer Leichtigkeit und Fertigkeit aus, als ob es nur Müsetten wären.“
Ingo Bredenbach