Zur Instrumentalmusik J.S.Bachs
„Ich habe von dem berühmten Organisten zu Weimar, Herrn Joh.Sebastian Bach Sachen gesehen sowohl vor die Kirche als vor die Faust, die gewiß so beschaffen sind, daß man den Mann hoch aestimieren muß“.
Dieses Lob aus berufenen Munde - es stammt aus dem Buch „Das beschützte Orchester“ (1717) des Hamburger Komponisten und Gelehrten Johann Mattheson - konnte Bach zu einem Zeitpunkt lesen, als seine Kompositionen überwiegend nur handschriftlich überliefert und weiterverbreitet wurden. Er hatte sich bis dato vor allem als Organist und Cembalist einen Namen gemacht, der weit über Thüringen hinaus Geltung besaß. Seine Werke für Cembalo nehmen neben den Orgelwerken den größten Raum im Bereich der Instrumentalmusik ein. Mit der Erziehung seiner Söhne, besonders der beiden erstgeborenen, Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel, beginnt eine ganze Reihe von pädagogisch angelegten Sammlungen wie dem „Clavierbüchlein für Wilhelm Friedemann“(1720 begonnen), in dem sich einige Frühfassungen einzelner Inventionen sowie einiger Praeludien und Fugen aus dem 1.Teil des „Wohltemperierten Clavier“ finden. Diese Sammlung von 24 Praeludien und Fugen durch alle Tonarten stellte Bach 1722, seine 15 zweistimmigen Inventionen und die 15 dreistimmigen Sinfonien 1723 in Köthen zusammen. Das letzte Lebensjahrzehnt Bachs läßt sich unter den Stichworten „Sammeln - Verbessern - Bewahren“ sehen. So entsteht unter anderem Anfang der 1740iger Jahre der 2.Teil des Wohltemperierten Claviers mit wiederum 24 Praeludien und Fugen durch alle Tonarten.
Es folgt nach den Köthener Sammlungen in Leipzig mit den vier Teilen der „Clavier Übung“ eines der größten enzyklopädischen Projekte der Musik für Tasteninstrumente überhaupt. Bach veröffentlicht hier gewissermaßen Musterbeispiele der vorherrschenden Stile und Gattungen (Partita, Concerto, Praeludium, Fuge, Variation, Choralbearbeitung). Im 1731 veröffentlichten „1.Theil der Clavier Übung“ finden sich die 6 Partiten, eine Weiterentwicklung der Französischen bzw. Englischen Suiten. In den Partiten finden sich eine Fülle von stilisierten Tanzsätzen sowohl italienischen und französischen Einflusses. Diese beiden vorherrschenden Nationalstile werden mustergültig ausgeführt im 2.Theil von 1735 mit dem „Italienischen Konzert“ und der „Ouverture nach französischer Art“. Der dritte Theil (1739) ist ein Musterbuch über die Art, Choräle zu bearbeiten, dessen stilister Bogen vom „stile antico“ bis hin zu modernsten Themen-bildungen reicht. Mit den „Goldberg-Variationen“ erscheint 1742 (oder 1744) ein monumentales Variations-werk mit einer tiefsinnigen Architektur. Auch die in ihrem letzten Contrapunctus unvollendet gebliebene „Kunst der Fuge“ war wohl für Cembalo konzipiert
Ein großer Teil der Bachschen Kammermusik ist in Köthen entstanden: Hier ragen neben den Sonaten für Flöte und Cembalo bzw. Basso continuo besonders die 6 Sonaten für Violine und obligates Cembalo heraus. In diesen, der Triosonate verpflichteten Sonaten wird die zweite Oberstimme neben der Violine gleich-berechtigt der rechten Hand des Cemablisten anvertraut, während dessen Linke den Bass zu spielen hat. Johann Nikolaus Forkel, der erste Bachbiograph schrieb hierzu: „Sie sind zu Cöthen verfertigt, und können in dieser Art unter Bachs erste Meisterstücke gerechnet werden. Sie sind durchgehend fugiert, auch einige Canons zwischen dem Clavier und der Violine kommen darin vor, die äußerst sangbar und charaktervoll sind. Die Violinstimme erfordert einen Meister. Bach kannte die Möglichkeiten dieses Instruments und schonte es eben so wenig, als er sein Clavier schonte.“ In ähnlicher Anlage gibt es drei klangschöne Sonaten für Viola da Gamba und Cembalo. Mit dem „Musikalischen Opfer“, das als Reflex auf seinen Besuch bei König Friedrich II. In Potsdam 1747 entstand, handelt es sich um eine Sonata a tre für Flauto traverso, Violine und Basso continuo, in der Bach meisterhaft seine kontrapunktischen Künste mit Elementen des galanten, empfindsamen Geschmacks zu verbinden wußte.
Absolut herausragend im Bereich der Kammermusik sind Bachs Solosonaten und -suiten für Violine bzw. für Violoncello solo, die in ihren Linienführungen, in ihrer verborgenen Harmonik und ihrer immer wieder sich entfaltenden Mehrstimmigkeit schon früh als „Wunderwerke sowohl strenger Geistigkeit als auch vollendeter Virtuosität gegolten haben“ (Martin Geck).In Köthen entstand auch ein großer Teil der Bachschen Konzerte, u.a. die „6 Brandenburgischen Konzerte“, die mit ihrer Form- und Besetzungsvielfalt ein Kompendium der Art für Orchester zu komponieren darstellen. Darüberhinaus entstehen zahlreiche Solo-Konzerte, die z.T. verschollen bzw. ‘nur’ in der Bachs eigenhändiger Bearbeitung für Cembalo solo und Orchester überliefert sind. Diese entstanden für sein Collegium musicum in Leipzig, mit dem sich Bach über Jahre hinweg als Solist und Dirigent allwöchentlich (zur Leipziger Messe gar zweimal die Woche) „im Zimmermannschen Caffee-Hauß“ hören ließ. C.Ph.E.Bach berichtete 1774 über seinen Vater: „ In seiner Jugend bis zum ziemlich herannahenden Alter spielte er die Violine rein und durchdringend ....Als der größte Kenner und Beurtheiler der Harmonie spielte er am liebsten die Bratsche mit angepaßter Stärcke und Schwäche.“
Ingo Bredenbach