Die Orgel - ein Klangwerkzeug
"Was ist eine Orgel? - - Ein Klavier, das fromm geworden ist", pflegte der einstige Orgelpfleger der Landeskirche, Dr. Walter Supper, in Vorträgen über Orgelbau zu sagen.
Und in der Tat: kaum ein anderes Instrument, außer den Glocken, hat eine derartige, sakrale Aura. Manches Keyboard kennt die Taste "sakral" oder "organ", und wird sie bedient, so ertönt der "sound" einer typischen Orgelregistrierung, der "sound" des "organo pleno", der vollen Orgel.
Der Orgelklang ist unserer säkularen Welt zur akustischen Chiffre des Kirchenraums geworden. Er verbindet sich für sehr viele Menschen mit bestimmten Emotionen, Erinnerungen, Festen wie Weihnachten und Lebensstationen wie Taufe, Konfirmation, Hochzeit oder Beerdigung. Das war nicht immer so. Denn die Ursprünge des Instruments reichen bis in die Antike. Erst im Mittelalter wanderte das nach dem Prinzip der Panflöte gebaute Instrument in die Kirchen des Abendlandes. Im Jahre 824 wird im Münster zu Aachen eine Orgel bezeugt. Seither hat die Orgel über viele Jahrhunderte bis heute ihre musikalisch-liturgische Funktion immer weiter entfaltet, zunächst als Stütze des Gesanges der Kleriker in der frühen Mehrstimmigkeit, dann allmählich als selbständige Instrumentalmusik im 16. Jahrhundert durch Übertragung von Motetten auf die Orgel, durch Zwischenspiele, Versetten, Vorspiele (Praeambula) und die Entwicklung eigener Formen wie Präludium und Ricercar, Canzona und Fantasia, Toccata und Fuge. Eine schier unerschöpfliche Quelle kreativer Anregung für die Komposition wurde das weite Feld der Choralvariation bis hin zur großen Choralfantasie. Die Förderung des Singens der Gemeinde durch Martin Luther stieß die Tür auf zu einer eigenständigen kirchenmusikalischen Kultur, in der die Orgel eine zentrale Rolle spielte. Zwar hat die Orgel am Anfang noch nicht die Gemeinde begleitet. Aber sie war beim strophenweisen Singen eines Liedes an der so genannten "alternatim-Praxis" beteiligt: Sie hatte das Vorspiel oder eine Strophe im Wechsel mit Schülerchor oder Gemeinde zu übernehmen.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wanderte die Liedmelodie in den Chorsätzen aus der Mittelstimme in den deutlicher hörbaren Sopran, und außerdem sangen alle Stimmen den Text gleichzeitig, damit die Worte besser verstanden werden konnten. Wenn kein Chor vorhanden war, spielte der Organist diesen einfachen, homophonen, vierstimmigen Chorsatz auf der Orgel und begleitete so das Singen der Gemeinde. Bis zum letzten Choralbuch von 1953 hat sich dieser Typ des "Kantionalsatzes" über Jahrhunderte erhalten. Erst in jüngster Zeit bekommt die Orgel durch die Aufnahme von Neuen Geistlichen Liedern und Liedern und Gesängen aus der weltweiten Ökumene die Gelegenheit, andere Begleitsatztypen erklingen zu lassen.
Für den Gottesdienst hat sich ein gewisser Kanon an Funktionen der Orgel herausgebildet:
Sie übernimmt Vor- Zwischen- und Nachspiele (ursprünglich Prozessionsmusiken), die Intonation und Begleitung des Gemeinde- und Chorgesangs und das Spiel "sub communione" (Musik zur Austeilung des Abendmahls).
Neben diesen dominierenden Funktionen hat die Orgel bereits in der Vergangenheit außerhalb des Gottesdienstes Entfaltungsmöglichkeiten bekommen. So spielte Jan Pieterszoon Sweelinck in Amsterdam schon um 1600 am Nachmittag für die Kaufleute in der Kirche Variationen über weltliche "Schlager" und Dietrich Buxtehude gestaltete um 1700 in der Adventszeit konzertante Abendmusiken in Lübeck, die weit über die Grenzen der Stadt berühmt waren, und in denen wohl auch seine groß angelegten Orgelwerke erklangen.
Als die große Musik im 19. Jahrhundert aus der Kirche in den bürgerlichen Konzertsaal auswanderte, schien zunächst die Zeit der Orgelmusik vorbei zu sein. Doch die spirituelle Aura des Instruments und der alten Kirchen zog die Romantiker an. Sowohl Mendelssohn, Anwalt der wieder entdeckten Musik Bachs ,als auch der Schwiegervater von Richard Wagner, Franz Liszt, Johannes Brahms, Max Reger und die Franzosen Franck, Vierne, Widor, Dupré und Messiaen, um nur einige wenige zu nennen, komponierten für dieses Instrument. Die Orgel wurde zum Abbild des Orchesters und seiner Farbenwelt.
Nun erhielten auch Konzertsäle eine Orgel. Es entstanden nach dem Vorbild des klassischen Solokonzertes Orgelkonzerte mit Orchester. Die Größe des Instruments wurde bis ins Gigantische gesteigert. Die Spieler solcher Instrumente waren international angesehene Künstler.
Die liturgische Bewegung im 20. Jahrhundert übte Kritik am ausufernden Konzertwesen in den Kirchen und versuchte eine erneute Einbindung der Kirchenmusik in gottesdienstliche Zusammenhänge schöpferisch zu gestalten. Neue Orgelmusik von Hugo Distler, Siegfried Reda, Ernst Pepping, Johann Nepomuk David und Helmut Bornefeld knüpfte an alte Traditionen an. Die Orgelmusik musste sich an ihrer Liturgiefähigkeit messen lassen. Der Ort ihres Erklingens war der Gottesdienst oder die Geistliche Abendmusik.
Im Laufe der vergangenen Jahre tritt die Orgel daneben aber auch immer mehr als ein von liturgischer Funktion gelöstes, eigenständiges Instrument in Erscheinung. In letzter Zeit lebte
die Praxis der Bearbeitung von Orchesterwerken für die Orgel, die schon das 19. Jahrhundert
pflegte, wieder auf , bis hin zur Übertragung Wagnerscher Klangwelten auf die Orgel.
Sie führte zu einer spannenden Erweiterung des Orgelrepertoires abseits liturgischer Anforderungen.
So könnte das Instrument Orgel zu einer Brücke werden zwischen Menschen, die der Kirche distanziert gegenüberstehen, aber dennoch eine Sehnsucht nach spirituellen Erlebnissen in sich spüren, und dem Kirchenraum. Auf Grund ihrer umfangreichen, viele Jahrhunderte umfassenden Literatur bringt die Orgel uns mit Klangerfahrungen in Berührung, die uns sonst verschlossen blieben.
Der Name Orgel stammt vom griechischen Wort "organon", Werkzeug, und wer einmal am Spieltisch einer Orgel stand, empfand sicher die Ähnlichkeit mit dem Cockpit eines Flugzeugs. Schon der Blick ins Innere einer noch so kleinen Orgel genügt, um über den technischen Erfindungsreichtum zu staunen. Eine Orgel ist ein technisches Gerät zur Erzeugung von Klang, vom Windmotor angefangen bis zur Steuerung der Tonventile. Aber wenn es gelingt diesem "Klangwerkzeug" Leben einzuhauchen, ist sie weit mehr als das, ob sie nun im Konzert oder im Gottesdienst erklingt.
Hans-Peter Braun
Musikdirektor am Ev.Stift und 1. Organist an der Stiftskirche Tübingen